No. 36 oktober, november 2004

Themen


Grundsatztext
2004-11-03 03:00
grundbedürfnis versöhnung
Gudrun Kramer und Wilfried Graf arbeiten als TrainerInnen für Konflikttransformation. Die Trainings, die im Laufe der Zeit in offene Dialoge übergehen, finden über Jahre hinweg mit der jeweils selben Gruppe statt. Im Laufe des Prozesses werden die TeilnehmerInnen aufgefordert selbst Empfehlungen auszuarbeiten, wie man den Friedensprozess in ihrer Region fördern könnte. DAS GESPRÄCH FÜHRTE DANIELA INGRUBER


planet: Welche Methode liegt eurer Arbeit zu Grunde?

Wilfried Graf: Wir gehen von einer Methode aus, die Johan Galtung vorschlägt, der so genannten Transcend-Methode, die wir weiterentwickelt haben. Im Groben handelt es sich dabei um ein Dreiphasenmodell: In der ersten Phase versucht man, im Dialog mit den AkteurInnen den Widerspruch von Zielsetzungen zu verstehen. In der zweiten Phase versuchen wir zu differenzieren, wie diese Ziele zur Befriedigung der Grundbedürfnisse aller stehen. In einer dritten Phase versuchen wir die kompatiblen Ziele zu integrieren.

Gudrun Kramer: Eine Konfliktpartei ist dann bereit für den runden Tisch, wenn sie die Frage beantworten kann, was legitim an den Zielen der anderen und was illegitim an den eigenen Zielen ist.

Graf: Jetzt stellt sich die Frage, was ist legitim und wer bestimmt, was legitim ist und was nicht. Da arbeiten wir mit Grundbedürfnisbefriedigung als wesentlicher Voraussetzung für nachhaltige
Friedensprozesse. Dies scheint uns ein Stück kultursensitiver und transkultureller als die alleinige Fokussierung der Menschenrechte.

Kramer: Wir gehen von vier Klassen von Grundbedürfnissen aus. Das erste ist das Überleben. Das zweite ist ein gewisses Maß an Wohlbefinden, ausgewogene Ernährung, Kleidung, ein Dach über dem Kopf, ein funktionierendes Gesundheitssystem etc. Drittens Identität. Das vierte ist Freiheit, doch nicht in dem Sinn, dass ich tun und lassen kann, was ich will, sondern in Bezug auf diese anderen Bedürfnisse. Dass ich ein gewisses Maß an Wahl habe.

planet: Ihr arbeitet in verschiedenen Weltgegenden. Birgt das die Chance etwas aus einem Kulturkreis in einen anderen mitzunehmen?

Kramer: Ich habe bei Konfliktparteien schon so etwas wie Erleichterung gesehen, als klar wurde, dass sie nicht die Einzigen sind, die diese Probleme haben.

Graf: In Sri Lanka war es hilfreich einen ehemaligen Sandinisten aus Nicaragua dabei zu haben, der als Ex-Guerillero eine wichtige Rolle spielte und ein glaubwürdiger Ansprechpartner war. Wir müssen versuchen uns in die jeweilige Kultur einzufügen und uns detailliertes Wissen anzueignen. Doch erst durch den konkreten Dialog entsteht das gemeinsame Wissen. Darum glauben wir auch, dass wir an mehreren Konflikten in verschiedenen Kulturkreisen zugleich arbeiten können. Wir sind dezidiert keine SpezialistInnen für eine bestimmte Region.

Kramer: Wir sind vielleicht ExpertInnen für allgemeine Konfliktlösung, aber die ExpertInnen für ihren Konflikt können nur die Betroffenen selbst sein. Wir können noch so viele Bücher lesen, wir können noch so lange in diesem Land leben, wir werden nie dieselbe Erfahrung haben wie sie.

planet: Das erinnert mich an die Peace Brigades International, die ebenfalls einen Rahmen schaffen, aber sagen: „Ihr habt das durchlebt und ihr müsst das auch in Zukunft tun. Deswegen müsst ihr es auch selbst schaffen.“ Ist das eine ähnliche Methode?

Kramer: Ja. Was uns dann unterscheidet ist, dass wir uns dezidiert nicht als neutral sehen. Sobald wir die Bühne betreten, sind wir Teil des Konflikts. Wir sind Menschen, wir sammeln Eindrücke, daraus leiten wir unsere Meinungen ab. Uns geht es nicht darum irgendeine Lösung zu finden, sondern es geht um gerechten Frieden. Für uns bedeutet eine gerechte Lösung eine Lösung, die die Grundbedürfnisse aller mitberücksichtigt. Unsere Hypothese ist, wenn man die Grundbedürfnisse nicht befriedigt, kann man zwar kurzfristig eine Lösung finden, aber längerfristig kommt es wahrscheinlich wieder zu einem Gewaltausbruch.

Graf: Wir vertreten keine staatlichen Interessen, keine spezifische Ideologie aber doch so etwas wie eine neue kosmopolitische Politik einer Zivilgesellschaft. Ich weiß, dass das auch ein theoretisch umstrittenes Gelände ist, aber im Sinne von Edgar Morin braucht es einen bestimmten Referenzrahmen, wenn man solch eine Arbeit macht und wir versuchen diesen Referenzrahmen zu reflektieren und auf den Tisch zu legen.

planet: Wie sehen die Gruppen aus, mit denen ihr arbeitet?

Kramer:Die Gruppe in Sri Lanka setzt sich aus Regierungsvertretern zusammen, auch die Wirtschaft ist vertreten, ebenso zivilgesellschaftliche und religiöse Vertreter.

planet: Und Frauen?

Kramer: Es sind zwei Frauen in der Gruppe, die Parteichefin einer moslemischen Partei und eine Richterin des Obersten Gerichtshofes.

planet: Das ist nur die Elite.

Kramer: Genau, das ist die Topebene. Mit ihnen arbeiten wir in Österreich, denn es ist wichtig eine Atmosphäre zu schaffen, wo sie nicht jedes Wort auf die Waagschale legen müssen. Das soll ihnen helfen, ein wenig ihre eigenen Positionen zu revidieren. Dann gehen wir zurück nach Sri Lanka und machen Seminare, die auf der Graswurzelebene stattfinden. Diese Leute führen dann Friedensgespräche mit der Bevölkerung darüber, was deren Bedürfnisse sind und wie sie sich die Zukunft des Landes vorstellen. Aus den Gesprächen in Sri Lanka sind Empfehlungen entstanden, die wiederum von RegierungsvertreterInnen diskutiert worden sind. Wir versuchen so die Topebene mit der Basis zu verbinden und einen Dialog zu initiieren.

planet: Wurdet ihr schon derart in einen Konflikt hineingezogen, dass man euch bedroht hat?

Graf: Wir selber wurden nicht in Konflikte involviert, aber die TeilnehmerInnen unserer Gruppen sind teilweise bedroht worden.

Kramer:Das geht so weit, dass wir manche privat finanziert für einige Zeit nach Österreich bringen, um sie zu schützen. Man kann sie nicht einfach hängen lassen. Wir haben aber auch ExtremistInnen in unseren Gruppen, denn wenn sich Friedensbemühungen nur auf die moderaten Positionen beschränken, gibt es zwar vielleicht schnellere Fortschritte, aber früher oder später muss so ein Prozess wieder scheitern.


planet: Kommen wir zum Begriff der Versöhnung.

Kramer: Wir bringen das bewusst nicht sofort in Verbindung mit den Begriffen Wahrheit, Gerechtigkeit und Verzeihen, weil das ein christliches Konzept ist.

Graf: Wir definieren Versöhnung transkulturell, gereinigt von spezifischen kulturellen und religiösen Vorstellungen und konzentrieren uns auf die unterschiedlichen religiösen Versöhnungskonzepte. Wenn es gelingt, die spirituellen Ressourcen zur Versöhnung anzuzapfen, sind die Menschen viel eher in der Lage im Sinne einer Versöhnungsarbeit zu denken.

Kramer: Zudem braucht es eine Lösungsperspektive, damit Versöhnung überhaupt möglich ist. Versöhnung kann auch nur im jeweiligen kulturellen Kontext stattfinden. Versöhnung ist ja der Punkt zwischen TäterIn und Opfer und das muss von den Konfliktparteien selbst getragen werden. Da steht man als Drittpartei ziemlich hilflos daneben.
Im Fall von Sri Lanka sagt die christliche Gemeinschaft, die Wahrheit müsse ganz klar auf den Tisch gelegt werden und es brauche so etwas wie Beichte, dann könne vergeben werden. Während die Buddhisten mit ihrem Karma-Ansatz einen anderen Zugang haben: „Alles was produziert wurde, wurde von uns allen produziert. Darüber brauchen wir nicht mehr länger zu sprechen. Das Beste ist das Vergessen.“ Da prallen Gegensätze aufeinander.
Oft wissen die Konfliktparteien erstaunlich wenig von der jeweils anderen Kultur. Neugierde, etwas von den anderen zu lernen, kann ein erster Schritt in Richtung Versöhnung sein. Man akzeptiert zuerst, dass es das Andere gibt, dann erkennt man an, dass die andere Kultur bestimmte Werte hat. In einem nächsten Schritt würde es darum gehen, dass man voneinander lernt.
Bei Versöhnung geht es nicht nur darum, dass man den Konflikt löst, sondern darum die Beziehungen zwischen den Konfliktparteien zu verbessern, damit sie in Zukunft mit Konflikten besser umgehen können.

planet: Das klingt so einfach.Doch wie sieht das konkret aus?

Graf: Versöhnungsarbeit muss in den Dörfern stattfinden. In unseren Seminaren demonstrieren wir das meistens am Beispiel des Ho’oponopono, einem Versöhnungsritual aus dem polynesischen Raum. Das funktioniert so, dass bei Vergehen auf kommunaler Ebene ein weiser Mann oder eine weise Frau die Gemeinschaft zusammenruft, inklusive dem/der TäterIn, seiner/ ihrer FreundInnen und Verwandten und der FreundInnen und Verwandten des Opfers.
Dann gibt es ein strukturiertes Verfahren, das vier Phasen umfasst: In der ersten Phase tauscht man sich im Dialog darüber aus, was passiert ist. In der zweiten Phase wird diskutiert, was der Beitrag jedes/jeder Einzelnen war. Der/die TäterIn gibt zu, was er/sie getan hat, seine/ihre Mutter und die FreundInnen sagen, was ihr Beitrag war etc.

Kramer: Wobei wichtig ist, dass man sagt, was alles unterlassen wurde, nicht das, was begangen wurde, sondern was man nicht getan hat.

Graf: In einer dritten Runde schaut jedeR, was er/sie machen kann, damit das in Zukunft nicht mehr passiert.

Kramer: Als vierte Phase wird diskutiert, wie man das Ganze wieder gutmachen kann. Während des ganzen Prozesses wird protokolliert und die Phasen 1 und 2 werden in Form eines Rituals verbrannt. Das heißt, es wird vergeben. Das, was in der 3. und 4. Phase protokolliert wurde, das, was jedeR in Zukunft machen wird, nimmt man mit nach Hause.

planet: Gibt es den einen richtigen Weg?

Graf: Den gibt es nicht. Man muss sich immer der Ambivalenz von Lösungen, selbst von Frieden und Konflikten bewusst sein. Löst man einen Konflikt, indem man einen neuen schafft? Wird eine Lösung zwischen zwei Konfliktparteien auf Kosten einer dritten gelöst? Denn damit schafft man einen Grundstein für einen neuen Konflikt und vielleicht sogar für einen neuen Krieg.


Derzeit führen sie Projekte in Kooperation mit dem BMaA in Sri Lanka, Zentralasien, im Kaukasus und seit Oktober auch in Uganda durch. Anfang Oktober brachten sie die Führung der tamilischen LTTE–Guerilla zu Gesprächen nach Österreich.

 
 
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